Der Deal meines Lebens

…oder wie ein einzelner Tag mein eigenes Leben für immer verändert hat.

Hier erfährst du, warum es mir persönlich so am Herzen liegt, aus der Restzeit, die einem das Leben schenkt, wirklich etwas für sich selbst Wertvolles zu machen und welchen Tag in meinem eigenen Leben ich niemals vergessen werde.

Ich öffnete die Augen, blendendes Licht…meine Gedanken wabberten noch wie Grütze durch meinen Kopf…“Ich lebe! Mein Gott, ich lebe noch…Danke!“…Tränen liefen über mein Gesicht…ein Blick auf die Uhr, aber in meinem Kopf, wollte sich kein Gedanke dazu formen…die Augen fielen mir immer wieder zu…“Matthias! Ich muss in anrufen! Er soll wissen, dass ich lebe!“… dann glitt ich wieder zurück in den Schlaf.

Fünf Stunden vorher: Ich lag in der Uni-Klinik Düsseldorf im Vorbereitungs-Bereich der Operation-Abteilung mit dem Ambiente eines großen Verschiebebahnhofs. Meine Gedanken fuhren Karussell. Die verdammte Beruhigungstablette wollte partout nicht wirken.

Ich überlegte kurz, ob ich nicht vielleicht doch noch von der Pritsche springe und mich , offenes OP-hemd oder nicht, einfach klammheimlich verdrücke. Die Angst unfassbar groß, wie ein überdimensionales schwarzes Loch, ein einziger kalter Klumpen in meinem Bauch. Es war meine eigene Entscheidung gewesen, aber es war auch meine Gesundheit und mein Leben, die ich hier gerade riskierte.
Was wäre wenn …?

Was, wenn ich wach werde, aber nichts mehr könnte, wenn ich, wie jemand vor Kurzem so nett formulierte, nur noch sabbernd im Rollstuhl sitzen würde und mein Essen ab sofort durch die Schnabeltasse trinken müsste?

Was wäre, wenn ich meinen Mann und meine Kinder nie wieder sehe?
Was, wenn ich durch all das hindurchginge, sich aber an dem verdammten Zucken nichts ändern würde, wenn mein Gesicht mir nie wieder selbst gehören würde und mir meine rechte Gesichtshälfte im Laufe der Zeit trotzdem komplett entgleist?

Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel in der Hoffnung, dass es dort irgendetwas oder irgendjemand gibt, der sich etwas aus mir macht und dann sandte ich im wahrsten Sinnes des Wortes den Deal meines Lebens Richtung Universum:

„Wenn ich das überlebe,… wenn du mich durch diese OP bringst und ich zurück darf zu meinem Schatz, meinen Jungs und allem, was mir im Leben lieb ist, dann verspreche ich dir, aus dem Rest meines Lebens etwas zu machen. Wenn dieses Gehirnimplantat diesen elenden Hemispasmus in meinem Gesicht zum Schweigen bringt, dann setze ich alles daran, aus der Zeit, die mir geschenkt wird, etwas Sinnvolles zu machen! Bitte lass mein Gehirn keinen Schaden nehmen. Dann…“

Der Pfleger lächelte mir zu und sagte „Es geht los!“ Zu spät, für „Was wäre wenn-Fragen“ und zu spät, um es mir jetzt noch anders zu überlegen. Wohin zur Hölle, hätte ich auch flüchten sollen, vor dieser Krankheit für die es keine wirkliche Heilung gibt. 

Von da an ging alles ganz schnell und ich erlebte einen Moment der Gnade, einen Moment, den ich mein ganzes Leben nie wieder vergessen und für den ich zeitlebens dankbar sein werde.

Ich kam zurück. Ich wachte wieder auf. Glück, Schicksal oder ein Deal mit dem Universum? Wer kann das schon sagen.

Ich zahlte meinen Preis, aber der war in meinen Augen vertretbar. Heute höre ich nur noch auf einem Ohr, weil das recht fast taub ist. Nie wieder Stereo, was ein Verlust. Man weiß bestimmte Dinge oft gar nicht wirklich zu schätzen, bevor man sie unwiederbringlich verliert.

Aber ich, ich bin noch da!
Ich atme, ich lebe, ich liebe, ich lache!

Und mein Gesicht?
Ab und zu ist es noch da das Zucken, aber viel schwächer und den meisten fällt es nicht einmal auf. Es ist wirklich nicht zu vergleichen mit früher. Nach zwei Jahren habe ich fast mein altes Gleichgewicht wieder.

Ich kann wieder lächeln, wieder flöten (zumindest manchmal) und, wenn ich heute eine Grimasse schneide, dann weil ich es so will und nicht, weil ein Gefäß in meinem Gehirn, welches auf meinen gestressten Gesichtsnerv drückt, mich dazu zwingt.

Und manches Mal, wenn das Zucken mich besucht, dann erinnert es mich an diesen Tag, damit ich ihn nicht vergesse meinen Deal.

Aber keine Angst, liebes Universum: Ich halte mein Versprechen, und genieße mein Leben, solange du mich lässt.

Diese Geschichte widme ich all denen, die in dieser schwierigen Zeit besonders für mich da waren, allen voran meinem Mann, meinen drei Jungs, meiner Familie in Bayern, meinen Freunden, sowie Prof. Dr. Steiger und dem Team der Uniklinik Düsseldorf. Danke!

Elke Storath

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